Elektra

Hugo von Hofmannsthal

Elektra (Ulrike Haase), griechisch „Die Leuchtende“, musste als Kind erleben, wie ihre Mutter Klytämnestra und deren Geliebter Ägisth ihren königlichen Vater Argamemnon, den siegreichen Heerführer der Griechen vor Troja, bei seiner Heimkehr aus dem Krieg hinterrücks erschlugen. Es gelang ihr, ihren kleinen Bruder Orest ins Ausland und damit außer Reichweite des mörderischen Paares zu schmuggeln. Seit dem lebt sie erniedrigt unter den Dienern am Königshof und will nur eines: Gerechtigkeit für den Vater und das heißt, die Mutter und Ägisth müssen sterben. Solange Orest irgendwo am Leben ist, kommt diese Aufgabe ihm zu. Auf seine Rückkehr, auf sonst nichts in der Welt, wartet Elektra und hält derweil ihre Wunden offen und den Hass frisch.

Foto: Nicolaus Heyse

Regie: Aureliusz Smigiel
Bühne: Nicolaus Heyse
Kostüme: Magdalena Musial
Premiere: 21.06.2003
Spielort: Alte Staatsbank am Dom

Kritik

Elektra
Antikes Drama als kunstvolle Parabel auf die Gegenwart

Der Name Hugo von Hofmansthals ist verbunden mit dem „Jedermann“-Drama, dem religiös ambitionierten Mysterienspiel vom Sterben des reichen Mannes. Mit der Inszenierung von „Elektra“ in den Magdeburger Freien Kammerspielen macht der Zuschauer die Entdeckung, dass man mit Texten von Hofmannsthal auch brisante Gegenwartsthemen auf die Bühne bringen kann. Es gab viel Beifall und Bravorufe.

Magdeburg. Der tödliche Konflikt zwischen Elektra ( Ulrike Haase ) und Ihrer Mutter Klytämnestra ( Iris Albrecht ) ist der dramatischste aus dem griechischen Atriden-Mytos, den schon Sophokles gestaltete. Gemeinsam mit ihrem neuen Mann Ägisth ( Jon-Kaare Koppe ) hatte Elektras Mutter ihren Gatten Argamemnon umgebracht, als dieser nach den Kämpfen um Troja heimkehrte.
Elektras blutige Rache, ausgeführt durch den totgeglaubten, dann heimgekehrten Bruder Orest ( Andree-Östen Solvik ), beschäftigte viele Dichter und Theater-Regisseure. Der Pole Aureliusz Smigiel hat die wohl bedeutsamste Bearbeitung des Sophokles-Dramas durch Hofmannsthal zur Grundlage der Magdeburger Inszenierung gemacht, die in knapp 80 Minuten eine brisante, atemberaubende Version auf die Bühne bringt. Ohne die Spur aufgesetzter Aktualisierung bietet sie eine kunstvolle Parabel auf die Spirale von Schuld, Tod und Gewalt in der Gesellschaft.

Ulrike Haase als Elektra dominiert diesen Phsycho-Thriller über Gewalt heckende Gewalt und über die aussichtslose Hoffnung auf Toleranz und Vergebung.Nicht wie ein Racheengel, sondern wie ein Grufti mit geschwärzten Augenhöhlen, schwarzen enganliegendem Pullover herrscht sie in Ihrem Reich. Dieser (Bühnen-)Raum ist ein rohrdurchzogener Keller mit den stählernen Fundamenten, die die Statik des Gebäudes garantieren (Bühne Nicolaus-Johannes Heyse, Kostüme Magdalena Musial). Wie Alberich bewacht sie eifersüchtig den Schatz, der ihre Welt, ihr Selbstverständnis ausmacht: das Recht auf Vergeltung.

Elektra erneuert an den Fundament-Säulen die Kreidezeichen mit dem A des Vaters Argamemnon. Wie heute die Symbole von ETA oder PLO an den Hauswänden der großen Städte prangen die drohenden Signets an den Pfeilern. Hier unten im Keller stellt Ulrike Haase die Emotionen Elektras groß und glaubhaft aus. Dies sind nicht die eifernden Tiraden einer Rachegöttin, sondern einer im innersten tödlich verwundeten jungen Frau.

Iris Albrecht als Gatten-Mörderin spielt intensiv und sensibel eine Frau, die sich der Schuld bewusst ist, die dennoch ein Recht auf ihr Leben behauptet. Sie bleibt vor Elektra so chancenlos wie deren Schwester Chrysotemis. Auch deren Lebensglück hängt ab von der Einsicht Elektras. Annett Sawallisch spielt ausdrucksvoll die Leiden und Hoffnungen Chrysotemis als die einer Frau, deren Glücksanspruch im Blut der Gewalt ertrinken wird. Bruder Orest betritt die Bühne des Dramas nicht als wütender Killer, sondern als von tiefer Menschlichkeit bestimmter junger Mann. Er scheut zurück vor der Tat, die Elektra verlangt, und er flennt, als er der Schwester schließlich nachgibt: „Ich tue es.“

Die Rache findet statt. Die Toten decken den Bühnenboden. Doch es sind nicht nur die Körper der Hauptakteure dieses Dramas, sondern vor allem die Leichen der unschuldigen Dienerschaft, des Volkes. Über dieser Szene des Grauens gellt der Schrei von Annett Sawallisch, der Elektra-Schwester, als Fanal der seit ewigen Zeiten durch blutige Gewalt geschundenen Kreatur.

Volksstimme Magdeburg, 23.6.2003